Weihnachtsgedanken

von Dr. Rudolf Steiner

Das Weihnachtsfest ist ein Fest der Harmonieempfindung mit dem ganzen Kosmos, ein Fest der Gnadenempfindung, ein Fest, das uns immer wieder und wieder den Gedanken nahebringen kann: Wie sich auch alles um uns herum erweisen mag, wie auch in den Glauben sich die herbsten Zweifel hineinmischen können, wie sich auch in die kühnsten Hoffnungen die schlimmsten Enttäuschungen hineinmischen können, wie auch um uns herum alle guten Dinge des Lebens wanken können -es gibt etwas in der menschlichen Natur und Wesenheit, das kann uns der richtig verstandene Gedanke des Weihnachtsfestes sagen, das nur vor die Seele lebendig, geisthaft hingestellt zu werden braucht, um uns immerwährend zu offenbaren, dass wir von den Kräften des Guten abstammen, von den Kräften des Rechten, von den Kräften des Wahren. Auf unsere siegenden Kräfte in die Zukunft hin weist uns der Ostergedanke. Auf den Menschenursprung in urferner Vergangenheit weist uns in einer gewissen Beziehung demnach der Weihnachtsgedanke.

Wie unendlich weise erscheint es uns, wenn wir den Kalender aufmachen und für den 25. Dezember verzeichnet finden das Geburtsfest des Christus Jesus und dann im Kalender verzeichnet sehen für den 24. Dezember «Adam und Eva». Wie im Kalender «Adam und Eva» vor dem Christ-Geburtstagsfest erschien, so erschien in den mittelalterlichen Weihnachtsspielen der Baum des Paradieses vorangetragen der Truppe, welche zur Aufführung dieser Weihnachtsspiele schritt. Kurz also, es gab einmal etwas, was die tiefen, verborgenen Seelenuntergründe der Menschen veranlasste, irdischen Menschenanfang und Jesu-Geburtsfest unmittelbar zusammenzustellen.

 Im Jahre 354 wurde zum ersten Male auch im kirchlichen Rom das Jesu-Geburtstagsfest am 25. Dezember gefeiert. Vorher wurde der 6. Januar als der Tag der Erinnerung der Johannestaufe im Jordan gefeiert, als der Tag, welcher der Gedenktag war des Herunterkommens des Christus aus den spirituellen Höhen und des Sich-Versenkens des Christus in den Leib des Jesus von Nazareth. Das war ursprünglich die Geburt des Christus in dem Jesus, die Erinnerung an den großen geschichtlichen Augenblick, der uns symbolisch dargestellt wird durch das Weilen der Taube über dem Haupt des Jesus von Nazareth. 

Fassen wir das, woran man sich erinnerte, in geisteswissenschaftlichem Sinne auf. Wir wissen, welche bedeutsamen, großen und gewaltigen Veranstaltungen die Menschheitsentwickelung machen musste, damit das Mysterium von Golgatha in diese Menschheitsentwickelung hereinbrechen konnte. Da musste geboren werden ein Mensch, welcher der wiederverkörperte Zarathustra war, der eine der beiden Jesusknaben. 

Es musste aber noch derjenige geboren werden, der seiner Seelensubstanz nach zurückgeblieben war in den geistigen Welten. Solange die Menschheit das alles durchgemacht hat, was sich innerhalb der Vererbung durch die Generationen durchmachen ließ bis zum Mysterium von Golgatha, so lange hatte man alles das aufgenommen, was sich an zerstörenden Kräften bis in das Blut hineingeschlichen hat. Nur eine einzige Seelensubstanz war in den spirituellen Welten zurückgeblieben, gehütet von den reinsten Mysterien und den reinsten Kultstätten, war dann ausgegossen worden in die Menschheit als Seele des zweiten Jesusknaben, desjenigen, den das Lukas-Evangelium schildert, jenes Jesusknaben, an dessen Geburt namentlich alle Erinnerungen und alle Darstellungen des Christfestes, des Weihnachtsfestes anknüpfen.

Zum Menschenursprung hinauf, zur Menschenseele, als diese noch nicht heruntergestiegen war, selbst noch nicht heruntergestiegen war in Adams Natur, erinnerte sich der Mensch zur Weihnachtszeit. Er wollte sagen, dass in Bethlehem, in Palästina, jene Seelensubstanz geboren wurde, die nicht mit teilgenommen hat an dem Abstieg der Menschheit, sondern zurückgeblieben war und zum ersten Male eigentlich in einen Menschenleib einzog, indem sie in den Lukas-Jesusknaben verkörpert wurde.

…..Dadurch entflammt sich in der Menschseele das Vertrauen in die ursprüngliche Friedens- und Liebesnatur der Menschheit. Daher rückte das unterbewusste Seelische das Jesu-Geburtsfest unmittelbar zusammen mit dem Adam-und-Eva-Fest, indem der Mensch eigentlich in dem Christkindlein, das geboren wird, seine eigene Natur sieht, aber seine eigene Natur in ihrer Unschuld, in ihrer Unverdorbenheit. So will man zeigen in der Weihnachtslegende dasjenige, was noch in der ganz unverdorbenen göttlichen Kindesnatur des Menschen liegt. Aber in Wahrheit – wegen des Einflusses Luzifers – hat es die Menschheit erst erlangen können, nachdem der ganze Zeitenverlauf sich abgespielt hatte von Adam und Eva bis zum Mysterium von Golgatha.

Es ist, wie wenn die Menschheit, wenn sie die Gelegenheit benützt, diese Marksteine der Zeit als Meditationsstoffe zu nehmen, wirklich einmal gewahr werden kann ihres reinen Ursprunges in den kosmischen Kräften des Universums. Da den Blick hinaufhebend in die kosmischen Kräfte des Universums und ein wenig eindringend durch Theosophia, durch wirkliche spirituelle Weisheit in die Geheimnisse des Universums -, da kann die Menschheit erst wieder reif werden, das zu begreifen, dass eine höhere Stufe des Geburtsfestes des Jesus das ist, was als Christgeburtsfest einmal begriffen worden ist durch die Gnostiker, das Christgeburtsfest, das am 6. Januar eigentlich gefeiert sein sollte, das Fest der Geburt des Christus in dem Leibe des Jesus von Nazareth. Aber, wie um sich vertiefen zu können in die zwölf universellen Kräfte des Kosmos, stehen die zwölf heiligen Nächte da zwischen dem Christfest und dem Fest, das am 6. Januar gefeiert sein sollte, das jetzt das Fest der Heiligen Drei Könige ist, und das eigentlich das charakterisierte Fest ist.

Wieder, ohne dass man es so recht gewusst hat in der bisherigen Wissenschaft, stehen sie da, diese zwölf heiligen Nächte, wie aus den verborgenen weisen Seelentiefen der Menschheit festgesetzt, wie wenn sie sagen wollten: Empfindet alle Tiefe des Christfestes, aber versenkt euch dann während der zwölf heiligen Nächte in die heiligsten Geheimnisse des Kosmos! Das heißt in das Land des Universums, aus dem der Christus heruntergezogen ist auf die Erde. Denn nur, wenn die Menschheit den Willen haben wird, sich inspirieren zu lassen durch den Gedanken an den heiligen kindlichen Gottesursprung des Menschen, sich inspirieren zu lassen von jener Weisheit, welche in die zwölf Kräfte, in die zwölf heiligen Kräfte des Universums dringt, die symbolisch dargestellt sind in den zwölf Zeichen des Tierkreises, die sich aber nur in Wahrheit darstellen durch die spirituelle Weisheit – nur, wenn die Menschheit sich vertieft in die wahre spirituelle Weisheit und der Zeiten Lauf erkennen lernt im großen Weltenall und im einzelnen Menschen, nur dann wird zu ihrem eigenen Heile die Menschheit der Zukunft, durch Geisteswissenschaft befruchtet, die Inspiration finden, die da kommen kann von dem Jesu-Geburtsfest zum Eindringen in die zuversichtlichsten, hoffnungsreichsten Zukunftsgedanken.

So dürfen wir das Weihnachtsfest auf unsere Seele wirken lassen als ein Inspirationsfest, als ein Fest, das uns den Gedanken des Menschenursprungs in dem heiligen göttlichen Menschenursprungskind so wunderbar vor die Seele führt. Jenes Licht, das in der heiligen Nacht, als Symbol des Menschenlichtes, an seinem Ursprung selber uns erscheint, jenes Licht, das uns in den neueren Zeiten die Lichter des Weihnachtsbaumes symbolisieren: es ist zugleich, richtig verstanden, das Licht, das uns die besten, stärksten Kräfte für unsere nach dem wahren, echten Weltenfrieden, nach der wahren, echten Weltenbeseligung, nach der wahren, echten Weltenhoffnung strebenden Seele geben kann.

Fühlen wir uns durch solche Gedanken an die Taten der Vergangenheit, an die Festsetzungen der Vergangenheit, gekräftigt durch das, was wir immer brauchen an Impulsen für die Zukunft: Weihnachtsgedanken, Erinnerungsgedanken an der Menschheit Ursprung, Gedanken, zugleich wurzelhaft, um sich zu entfalten zur echten, zur kräftigsten Seelenpflanze, zur echten Menschenzukunft.

Erstveröffentlichung Berlin 1913
GA 127 (1989), S 215 ff.

https://www.anthroposophie.net/steiner/bib_steiner_weihnachten_inspirationsfest.htm

Veröffentlicht in Archiv.