Vertrauen – Selbstvertrauen – freie Urteilsbildung

Die aktuelle Krise macht deutlich, wie schwer es ist, Realität und Vermutung auseinander zu halten. Wissenschaftler haben kontroversielle Meinungen. Regierungen tun sich schwer, richtige und sozialverträgliche Maßnahmen zu setzen. Es bildet sich ein Wissens- und Meinungsdschungel, in welchem es vor Mutmaßungen wimmelt und die Wahrheit ein verborgenes Dasein führt. Umso wichtiger ist es daher, auf das eigene Denken, der eigenen Urteilskraft zu vertrauen.

„Das große Vertrauen, das muss das wichtigste Sozialmotiv der Zukunft werden. Die Menschen müssen aufeinander bauen können. Anders gehen die Dinge nicht vorwärts. Das, was ich Ihnen jetzt gesagt habe, erscheint dem, der es ernst meint mit der ganzen Menschheit, wenn er nur genügend eingeweiht ist in übersinnliche Dinge, in dem Sinne als eine Selbstverständlichkeit, dass er sagen muss: Entweder geschieht dieses oder die Menschheit geht in den Abgrund hinein. Ein Drittes gibt es demgegenüber nicht. 

Man kann ja sagen, man könne sich nicht vorstellen, dass eine soziale Ordnung auf allgemeines Vertrauen begründet wird. Darauf kann man nur antworten: Schön, wenn ihr euch das nicht vorstellen könnt, dann müsst ihr euch eben vorstellen: Die Menschheit muss in den Sumpf hinein. – Diese Dinge sind nun einmal ernst, und sie müssen als solche ernst genommen werden.“ (Lit.GA 196, S. 75

„Wenn wir hinschauen auf die Menschen, wie sie heute sind, wenn wir hinschauen auf dasjenige, was an die Oberfläche des Lebens dringt, was das Leben sogar dirigieren will, auf das, was sich etwa in den öffentlichen Verhältnissen auslebt, wie sie sich in den letzten Tagen wieder ausgestaltet haben – wir sehen überall, dass zwei Dinge den Menschen von heute fehlen, die man ihnen nur anwünschen möchte im allerintensivsten Grade: Es fehlt den Menschen heute in hohem Grade das, was man nennen möchte Selbstvertrauen, aber auch das, was man nennen möchte Vertrauen zur Menschheit. Prüfen Sie, meine sehr verehrten Anwesenden, warum die Menschen heute so wenig in sich selber gehen, um sich hineinzustellen tatkräftig in jenes soziale Leben der Gegenwart, welches die Tatkraft so notwendig brauchen würde. Wir finden: Selbstvertrauen fehlt den Menschen. Aber ein Selbstvertrauen ist nur gerechtfertigt und kann nur da sein, wenn es getragen wird von dem Vertrauen zu den anderen Menschen. Wie Nordpol und Südpol zueinander gehören, ohne einander nicht da sein können, so kann Selbstvertrauen nicht da sein ohne Vertrauen zu den anderen Menschen. Niemals wird eine Erziehungswissenschaft, eine Unterrichtswissenschaft in die Menschen dasjenige hineinbringen, was Selbstvertrauen, was Vertrauen zur Menschheit ist, wenn sie nicht herausgeboren ist aus einer solchen Menschenliebe, die aus der Menschenerkenntnis kommt, wie ich sie heute charakterisiert habe.“ (Lit.GA 335, S. 176

„Und wenn nur einmal wenigstens dieses Selbstvertrauen eintreten würde bei einer großen Anzahl von Menschen, dieses Selbstvertrauen, ……damit ich meinen gesunden Menschenverstand anwenden will,… -, wenn dieses Selbstvertrauen, aber wirksam, tatkräftig, nicht bloß abstrakt oder theoretisch, einträte bei einer größeren Anzahl von Menschen, dann wäre es schon gut und dann wäre ungeheuer viel insbesondere für den Weg gewonnen, der gegangen werden muss mit Bezug auf das soziale Problem. Aber das ist gerade der Schaden, dass die Menschen dieses Selbstvertrauen zu ihrem gesunden Menschenverstand mehr oder weniger gerade durch die menschliche Erziehung im neunzehnten Jahrhundert eingebüßt haben. …..und dadurch der Gebrauch der menschlichen Urteilskräfte eingebüßt worden ist, ….dass der Mensch ein einheitliches Urteilsvermögen wirklich anwendet, dass er seinen gesunden Menschenverstand restlos anwendet. Das aber ist es gerade, was am meisten gefehlt hat in der neueren Zeit.“ (Lit.GA 185a, S. 204f

„Leben in der Liebe zum Handeln und Lebenlassen im Verständnisse des fremden Wollens ist die Grundmaxime des freien Menschen. “(Rudolf Steiner,GA 4, 15.Auflage 1987, S. 166 f. )

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